Digitalisierung der Weinwirtschaft

Wie digital ist die Weinbranche?

Die ProWein2018, die internationale Leitmesse der Wein- und Spirituosenbranche ist wieder einmal mit einem Rekordergebnis zu Ende gegangen: Mehr Aussteller 6.870 (gegenüber 6.615 in 2017) aus 64 (62) Ländern und 60.000 (58.500) Fachbesucher. Wenn das ein Indikator für die Branche ist, dann ist alles gut, oder?

18 Hallen voller spannender Produkte, vom brasilianischen Sekt über chinesischen Rotwein bis zum italienischen Kamillenlikör. Für jeden Geschmack gibt es hier ein Angebot. Aber Digitales? Fehlanzeige. Die Branche vermittelt den Eindruck, als hätte sich in den vergangenen 10 Jahren nichts verändert. Wein kauft man beim Winzer, im Fachhandel oder im LEH. Ende der Geschichte. Oder?

Während die Digitalisierung in Branchen wie dem Einzelhandel oder der Landwirtschaft kaum einen Stein auf dem anderen gelassen hat, vermittelt die ProWein den Eindruck, dass die Branche eine Insel der Ruhe im reißenden Strom der Digitalisierung ist.

In einer neuen Serie widen wir uns der Digitalisierung im Weinbau. Und beleuchten alle Aspekte: von der Erzeugung über die Kellerwirtschaft bis hin zur Vermarktung. Es geht heute dort los, wo auch ein guter Wein beginnt: im Weinberg.

Der Weinmarkt in Deutschland

Vielleicht ist der deutsche Weinmarkt auch eine besondere Spezies. Vielen der deutschen Weingüter sind eher klein bis mittelgroß – sie haben zwischen 5 und 50 Hektar Rebfläche. Hier spielt die Direktvermarktung traditionell eine große Rolle: Knapp 15 Prozent der aller Weinflaschen werden direkt beim Weingut gekauft, beim Umsatz sind dies sogar gut 20 Prozent, da insbesondere die höherwertigen Weine direkt vermarktet werden. Ähnlich hoch sind die Mengen und Umsätze des Weinfachhandels und Großhandels, der Endverbraucher und Gastronomie beliefert. Und der große Rest des Weins gelangt über den Lebensmittelhandel zu den Kunden. Rund 1,2 Milliarden Flaschen Wein rollen bei Edeka, Rewe und den Discountern über die Bänder. Das sind rund 60 Prozent des Umsatzes und drei Viertel der Menge. In Sachen Digitalisierung sind die großen Einzelhändler schon ziemlich weit. Aber die Weingüter?

Die Digitalisierung der Weinbranche

Im Wein steckt viel Handarbeit. Und manche Dinge im Weinberg und Keller haben sich seit 2000 Jahren kaum verändert. Doch um wettbewerbsfähig zu bleiben, stehen auch Weingüter vor der Aufgabe, ihre Prozesse zu optimieren und gegebenenfalls zu automatisieren. Nicht nur um der Effizienz und Kostensenkung willen, sondern auch aus Qualitätsdenken.

Teil 1: Der digitale Weinberg

Das sogenannte “Precision Farming”, die computergestützte Bewirtschaftung, setzt sich in der Landwirtschaft immer mehr durch. Allerdings ist dies bei den eher kleinteiligen Winzerbetrieben noch eher ungebräuchlich, weil zu investitionsintensiv und nicht immer praktikabel. Man denke nur an Roboter in Steillagen… Mit dem Trend zu größeren Winzerbetrieben und bei nicht allzu steilen Anbauflächen lässt sich allerdings auch mehr automatisieren.

So können sich Weingüter neue Technologien zunutze machen – von der Datenanalyse bis zum Einsatz von Drohnen und Robotern. Das Unternehmen Agro Mapping aus Barcelona bietet datenbasierte landwirtschaftliche Services an. Die Firma ist spezialisiert auf die Analyse von Wachstumsbedingungen und unterstützt Weingüter dabei, diese Bedingungen zu verbessern. Mit Hilfe multispektraler Aufnahmen von Satelliten, Flugzeugen und häufiger auch Drohnen wird analysiert, an welchen Stellen Pflanzen gestresst sind. Diese Daten helfen Weinerzeugern, passende und gezielte Maßnahmen zu ergreifen, um nicht in erster Linie die Menge, sondern vor allem die Qualität zu verbessern.

IOT im Weinberg?

Gerade das Internet der Dinge hat in den vergangenen Jahren in alle möglichen Bereiche unseres Lebens Einzug gehalten. Doch der Weinberg scheint sehr weit entfernt von Ansätzen zur Digitalisierung. Hier hat sich in den vergangenen 2000 Jahren am wenigsten verändert. Dabei gibt es bereits Ansätze, den Weinberg zu vernetzen: Johannes Haart vom Weingut Haart in Piesport sammelt seit 2015 seinen Weinbergen an der Mosel Daten der Bewässerungssysteme, Temperatur- und Windmessgeräte und kombinierte diese Daten mit den Wetterprognosen, um damit für optimale Wachstums- und Reifebedingungen seiner Weinreben zu sorgen.

Das fängt beim Wetter an: Zwar gibt es heute sehr gute Wetterdaten. Doch selten steht die Wetterstation in den Reben. Das besondere Mikroklima des Weinbergs und die unterschiedlichen Ausprägungen an verschiedenen Bereichen der Anbaufläche lässt sich mit den verfügbaren Wetterdaten nicht erfassen.

Lässt sich Terroir messen?

Zumindest einige Ausprägungen wie Sonnenstrahlung, Niederschlag, Luft- und Bodenfeuchtigkeit, Wind und Temperatur können mit Sensoren erfasst werden. Auch Blattfeuchte, Boden PH und Nährstoffwerte lassen sich messen. Und das sich verändernde Klima hat vielfältige Auswirkungen auf den Weinanbau: nicht nur steigende Durchschnittstemperaturen, sondern vor allem Temperaturschwankungen, Sonneneinstrahlung sowie Niederschlagsmengen haben große Auswirkungen auf Vegetationsdauer, Ertragsmenge, Traubenqualität und Schadorganismen. Die Daten können dem Winzer helfen zu sehen, was sich gerade im Weinberg tut.

Was bislang allein auf Erfahrung beruhte, lässt sich nun technisch unterstützen. Die aktuellen Wetterdaten des Weinbergs lassen sich auf dem Smartphone in Echtzeit abrufen und auch in ihrer längerfristigen Entwicklung analysieren. Dies kann dem Winzer helfen, die Situation seiner Weinberge besser zu erfassen und ihm eine bessere Basis für die Entscheidung resultierender Maßnahmen zu geben – unter anderem auch zum Pflanzenschutz, zur Düngung und Schädlingsbekämpfung.

Doch für eine umfassende Analyse benötigt es viele Sensoren und entsprechende Investitionen. Ob sich das für Weingüter in der für Deutschland typischen Größenordnung zwischen 5 und 50 ha rechnet? Johannes Haart, der eine Rebfläche von 8 ha bewirtschaftet, sieht dies eher skeptisch. Aber gerade für größere Weingüter wird eine solche Investition immer relevanter.

In der nächsten Folge unserer neuen Serie lesen Sie mehr zur Digitalisierung der Kellerwirtschaft und Vermarktung.