Bon anniversaire! UNESCO Weltkulturerbe Loiretal wird 25 Jahre alt.
Vor 25 Jahren wurde der Mittellauf der Loire zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt. Zeitgleich wurde der erste Abschnitt des Loire-Radwegs (Frankreichs erste großer Fahrradwanderweg und heute mehr als 900 Kilometer lang) eingeweiht und auch der Weinbau erhielt neue Impulse mit der im gleichen Jahr gestarteten Kartierung des Terroirs und der damit verbundenen Neubewertung des Herkunftsgedankens im Weinbau. Der Region hat all dies in den vergangenen Jahren eine Menge Aufmerksamkeit und Zulauf beschert: mehr als drei Millionen Besucher kommen alljährlich zu den weltberühmten Loireschlössern, aber auch der Weintourismus boomt: fast zwei Millionen Gäste nutzen im Jahr 2024 die Angebote der Weingüter und besuchten die vielen Veranstaltungen rund um den Loirewein. Warum die Gegend so einladend ist und was man dort so alles entdecken und verkosten kann, zeigt ein Blick auf die Details.
Alles im Fluss. An der Loire trifft Weinvielfalt auf Kulturgeschichte
Gute 1000 Kilometer legt die Loire von ihrer Quelle im Zentralmassiv bis hin zur Mündung in den Atlantik bei Saint Nazaire zurück. Wer Frankreich längstem Fluss auf diesem Weg folgt, bewegt sich nicht nur durch eine der bedeutendsten Kulturlandschaften Europas, sondern auch durch eine der vielseitigsten Weinlandschaften des Kontinents. Einem roten Faden gleich verbindet die Loire Kalkhänge und Schieferterrassen, Tuffsteinkeller und Hafenstädte, alte Klöster und nicht zuletzt die weltberühmten, in der Renaissance errichteten Loireschlösser. Wein ist hier so allgegenwärtig wie Kunst und Tradition, sie alle ziehen mit bemerkenswertem Spektrum die Aufmerksamkeit auf sich. Das wusste übrigens schon Leonardo da Vinci, der auf Einladung des französischen Könige François I. seine letzten Lebensjahre im Loiretal verbrachte. Das Angebot des „artist in residence“ war für den bereits über 60-jährigen Altmeister im richtigen Moment gekommen und so machten sich Leonardo, Mona Lisa und des Künstlers Entourage auf den Weg nach Amboise – mit im Gepäck nicht nur das berühmteste Lächeln der Kunstgeschichte, sondern auch eine Menge genialer Entwurfe und Ideen. Eine davon soll, so erzählen uns die Chronisten, das Treppenhaus von Chambord gewesen sein. Mit dieser nicht nur für das frühe 16. Jahrhundert schlichtweg atemberaubenden Treppenkonstruktion setzte der italienische Künstler dem Renommierbau des jungen Königs, Schloss Chambord, gleichsam die Krone auf. Das Besondere an der doppelt gewendelten Treppe: wer hinaufsteigt, sieht zwar die Hinuntergehenden, kann sie aber nicht berühren. Die, wenn man so will, schönste Einbahnstraßen-Lösung der Kunstgeschichte.
Hervorragender Begleiter frische Gemüsegerichte: ein junger Sauvignon Blanc aus dem Loiretal.
Chenin Blanc von Weltformat: Nicolas Jolis Coulée de Serrant aus der gleichnamigen Einzellage bei Savennières.
Ein prickelndes Vergnügen seit 50 Jahren und auch in den Exportmärkten sehr beliebt: Crémant de Loire.
Der (Wein-)garten Frankreichs. Vielfalt als gemeinsamer Nenner.
Alles andere als eine Einbahnstraße aber ist die Loire selbst — Frankreichs über tausend Kilometer lange Lebensader, die auf ihrem Weg aus dem Zentralmassiv bis hin zu ihrer Mündung in den Atlantik gleich zwölf Departements durchfließt. Sie ist ein (meist) ruhiger Strom, ihr Tal weit und von einer ganz besonderen Ausgeglichenheit. Nicht ohne Grund kennt man den zentralen Abschnitt zwischen Sully-sur-Loire und Chalonnes auch als „Garten Frankreichs“. Als diese Gegend hier im Jahr 2000 zum UNESCO Weltkulturerbe erhoben wurde, begründete man das offiziell mit der großen landschaftlichen Schönheit, den hübschen Schlösschen, der einzigartigen Kultur, die hier zu finden sei. Vermutlich dachte aber so manch ein Jurymitglied dabei auch die einzigartige Vielfalt der hier kultivierten Weine. Denn was hier, im mit 57.2000 Hektar Anbaufläche Frankreichs drittgrößtem Anbaugebiet, aus den Kellern kommt, sucht an Facettenreichtum in der Tat seinesgleichen. Den typischen Loire-Wein gibt es nicht, zu groß ist die geographische und auch klimatische Vielfalt. Zu verschieden sind auch die Böden, deren Zusammensetzung von Granit und Gneis über Schiefer (Anjou!), Sandstein, Tuffstein (Saumur!) bis hin zu kiesdurchsetzten Schwemmböden reicht. Kein Wunder also, dass sich die vier Hauptrebsorten der Region, Cabernet Franc, Chenin Blanc, Sauvignon und Melon de Bourgogne von ihren unterschiedlichsten Seiten zeigen. Diese Bandbreite spiegeln auch die über 50 offiziell ausgewiesenen Appellationen des Loiretals wider.
Von Sancerre bis Muscadet: dieser Fluss schenkt ordentlich ein.
Folgen wir also dem Flusslauf der Loire und ihren Nebenflüssen Cher und Indre von Osten her, treffen wir zunächst im zentralen Loiretal, dem Centre-Loire, mit Sancerre, Pouilly-Fumé und Menetou-Salon auf die ersten Highlights. Es folgen nach Orléans flussabwärts die Weinberge der Touraine mit einer Menge kleiner Appellationen: Chinon, Vouvray oder auch Bourgueil, um nur ein paar wenige zu nennen. Weiter geht es Richtung Anjou-Saumur, wo mit Savennières, Coulée de Serrant und Quart de Chaumes Grand Cru einige der berühmtesten Weine ganz Frankreichs zu Hause sind. Und wo die beeindruckenden Tuffsteinkeller, in denen heute Schaumweine von Weltformat reifen, von der Baugeschichte des Landes erzählen. Sie sind die Überbleibsel der großen Bauvorhaben des Mittelalters und der Renaissance, als man Abteikirchen wie Fontevrault oder eben die zauberhaften Loireschlösser (42 an der Zahl!) erbaute. Zum Mündungstrichter der Loire hin, im Pays Nantais (der Gegen um Nantes), liegen die Weinberge des Muscadet und man schmeckt förmlich schon die salzige Luft des nahe Atlantik.
Weintourismus im Loiretal
Das weltweit für seinen Schlösser bekannte Loiretal hat auch für Weintouristen jede Menge zu bieten. Über 350 Betriebe biete spezielle Angebote an: Kellerbesichtigungen zählen ebenso dazu wie Verkostungen in den Weinbergen und Rad- und Wandertouren. Der Loire-Radwanderweg, dessen einzelne Etappen heute mehr als 900 Kilometer umfassen, erschließt die Region für Radler aller Alters- und Leistungsklassen. Ob mit dem Hollandrad oder dem Mountainbike: hier gibt es viel zu entdecken. Und unterwegs natürlich auch zu verkosten.
Eine Bootstour auf der Loire? Ein Picknick im Weinberg? Oder gar mit dem Fahrrad durch den Weinkeller? Möglichkeiten für neugierige Entdecker gibt es viele.
Loirewein? Rebsorten mit Geschichte geben den Ton an.
Sauvignon Blanc und Chenin Blanc sind die weißen Leitreben der Region. Im Centre-Loire zeigt Sauvignon sich von seiner präzisesten Seite: kräuterfrisch, schnörkellos, sauber gezeichnet. In der Touraine und in Anjou dominiert Chenin Blanc – eine Sorte, die sich hier ausgesprochen vielseitig zeigt. Trocken? Halbtrocken? Sprudelnd oder doch süß? Die besten Weine aus den Appellationen Vouvray und Montlouis wissen davon ein Lied zu singen.
Cabernet Franc wiederum liefert im mittleren Flusslauf die kühlen, rotbeerigen Rotweine, die viele erst auf den zweiten Blick schätzen – fein, duftig, mit klaren Linien. Und Sorten wie Pineau d’Aunis oder Romorantin sind stille Zeitzeugen: alte lokale Reben, die bis heute faszinieren und sich gerade in Zeiten klimatischer Veränderungen als überraschend robust erweisen.
Viel Geschichte. Aber auch viel Zukunftsmusik.
Dass die Loire heute zu den innovativsten Weinregionen Frankreichs zählt, liegt an dieser Mischung aus Tradition und Neugierde. Viele Winzer arbeiten biologisch oder biodynamisch, oft ohne große Worte darüber zu verlieren. Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein spielen eine große Rolle, mit dem Plan „Loire 2030“ hat man sich ambitionierte Ziele gesetzt und setzt viele davon auch bereits erfolgreich um. Auch das Projekt Observatoire Mondial Chenin zahlt hier ein. Während diese Projekte vorallem die Fachleute aufrütteln und auf die Weinszene an der Loire aufmerksam machen, finden sich auch immer mehr Loireweine in den Regalen der Weinhändler. Am meistverbreiteten sind wohl Muscadets und Crémant de Loire. Wer Rotweine von der Loire sucht, wird in der Regel ein bisschen längern suchen müssen – warum sich das lohnt erzählen wir dir in unserem nächsten Beitrag.
Keyfacts Loirewein
42 000 Hektar │ 34 AOP & 1 IGP│ 2500 Erzeuger, darunter 16 Genossenschaftskellereien
Weltweit
#1 für Chenin Blanc
#1 für Cabernet Franc
#2 für Sauvignon Blanc
Jährlich werden in den Appellationen des Loiretals über 250 Millionen Flaschen produziert, davon wird der Großteil (80%) im Inland vermarktet. Nur 20 Prozent gehen in den Export: international haben Weine dieser bemerkenswerten Cool Climate Region also durchaus noch Aufholbedarf. Deutschland ist mit einem Anteil von 20 Prozent nach Uk und den USA der Hauptexportmarkt und zumindest Crémant de Loire hat sich durchaus einen Stellenwert erobert. Stillweine und hier ganz besonders die roten tun sich dagegen aktuell eher (noch) schwer.
Vielen Dank an ffk.pr für die zur Verfügung gestellten Verkostungsmuster sowie das Bild- und Infomaterial.
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