Weinjahr 2026 – wo geht die Reise hin?
Ruhiges Fahrwasser? Von wegen, das was gerade in der deutschen, aber auch internationalen Weinbranche los ist, gleicht mehr einer Tour auf der Buckelpiste bei Gegenwind. Dass die Weinindustrie weltweit in der Krise steckt, ist längst kein Geheimnis mehr. Sinkender Konsum, steigende Kosten, zu viel Fasswein im Markt, zu wenig Topweine in den Kellern, gesellschaftliche Veränderungen, Unsicherheiten und Instabilität auf allen Seiten. Und dazu nur wenige vielversprechende Antworten und Lösungsansatze. Optimismus? Leider Fehlanzeige.
Wie sich die Weinbranche angesichts dieser umfassenden Veränderungen entwickeln wird, ist schwer zu sagen. Aber um etwas besser zu verstehen, warum die aktuelle Krise die Branche ins Herz trifft, werfen wir, bevor wir auf die Weintrends 2026 schauen, einen kurzen Blick in den Rückspiegel.
Krisenstimmung bremst die Weinbranche
Seit fast drei Jahrzehnten arbeite ich in der Weinbranche. Nie aber kam mir die Branche so verzweifelt, so ausgezehrt vor wie aktuell. Über die letzten Monate hinweg schaukelte sich die schlechte Stimmung immer mehr auf, von einer „historischen Krise“ oder gar einer „Branche am Abgrund“ war die Rede. Und wie so oft hierzulande wurden dann vermehrt der Ruf nach einem Eingreifen „der Politik“ laut, viele Interessensvertreter, viele Branchenverbände scheinen sich im Schwarzmalen übertreffen zu wollen. Lösungsorientierte Ansätze hingegen, die sich dem aktuellen Wandel stellen und diesen auch als Chance begreifen, sucht man bislang allerdings vergeblich. Sowohl das Weinbaupaket 2025+ als auch die Aktionen der im Mai ’25 gegründeten Zukunftsinitiative Deutscher Wein e.V. (aktuell 172 Mitglieder), die u.a. mit dem Hashtag #deinweinvonhier und dem „Tag des Deutschen Weins“ Awareness für den heimischen Wein schaffen möchte, greifen in meinen Augen viel zu kurz. Es braucht strukturelle Veränderungen, es braucht neue Vermarktungsansätze und auch einen frischen Blick auf die Konsumenten. Und wir müssen uns die Frage stellen, warum wir die vor allem auch jüngeren Generationen nicht mit (deutschem) Wein abholen können. Und trinken wir wirklich zu wenig heimischen Wein?
Deutschlands Weinkrise – die Ursachen
Da hat sich über die Jahre einiges anstaut. Es gibt in Deutschland sehr viele Weinbauflächen und eine Menge von Kleinstbetrieben, die nicht selbst vermarkten. Zwar ging die Zahl der Weinbaubetriebe in den letzten zehn Jahren um fast ein Viertel zurück und im Gegenzug wurden große Betriebe noch größer – dennoch: knapp die Hälfte der heute in Deutschland existierenden 14150 Weinbaubetriebe (2023) bewirtschaften weniger als drei Hektar, 2570 Betriebe haben sogar nur eine Fläche bis zu 1 ha zur Verfügung (zum Vergleich: noch im Jahr 2010 waren es fast doppelt so viele Kleinstbetriebe!).
Steigende Kosten, sinkende Erlöse
Gerade die kleinen Erzeuger trifft die aktuelle Situation hart. Explodierende Kosten (Energie, Packaging, Logistik) sind hier nur eine Seite der Medaille, die andere sind die immer geringer werdenden Umsätze. Vor allen für nicht selbst vermarktende Betriebe erweist sich die Bewirtschaftung der Weinberge mehr und mehr als Minusgeschäft. Die Erlöse liegen bei Trauben und Faßweinen aktuell deutlich unter den Produktionskosten, weitere Betriebsaufgaben sind hier also nur eine Frage der Zeit. Aber auch selbstvermarktende Betriebe stecken fest, alte Vertriebskonzepte sind oft nicht mehr tragfähig, neue Märkte nicht in Sicht. Und selbst Betriebe, die sich in den vergangenen Jahren erfolgreich im Markt positionieren konnten und auch im Export Fuß fassten, bekommen zunehmend Probleme. Dies trifft vor allem aufstrebende Betriebe, die angesichts des sich zunächst gut entwickelnden Geschäfts (u.a. während der Pandemie) investierten in Keller und Neubauten und auf eine ebenso positive zukünftige Entwicklung setzten, hadern nun mit der Wirtschaftlichkeit ihrer Unternehmen. Kredite, die nicht mehr bedient werden können, während volle Keller nicht abverkauft werden können und sich mehr und mehr zum toten Kapital wandeln. Realistisch scheint ein Rückgang der Weinbauflächen um 30 Prozent zu sein, dass aber gleich die Hälfte alle Weinbaubetriebe in Insolvenz gehen, wie von der genannten Zukunftsinitiative Wein e.V. prognostiziert, scheint vielen in der Branche zu schwarz gemalt.
„Dämon Alkohol“
Dazu kommt die weltweite Diskussion um den Alkohokonsum. Alkohol hat zunehmend schlechte Karten, ganz besonders seit die WHO 2023 ihre neue Studie zum Alkoholkonsum veröffentlichte. Danach gilt der Konsum von alkoholischen Getränken bereits ab dem ersten Schluck als zunehmendes gesundheitliches und auch gesellschaftliches Problem. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung griff die WHO-Aussagen 2024 in einem Positionspapier auf. Und in der Folge bewertete das Robert-Koch-Insitut RKI den Alkoholkonsum in Deutschland neu, man kam zu dem Schluss: „Nahezu jede dritte erwachsene Person weist mit drei oder mehr alkoholischen Getränken pro Woche ein Konsumverhalten auf, das mit einem moderaten oder hohen Krankheitsrisiko assoziiert ist. Deshalb sollten Maßnahmen ergriffen werden, die den Alkoholkonsum nachweislich reduzieren, wie Werbeverbote, höhere Besteuerung und Beschränkung der Verfügbarkeit.“ Aussagen, die für viel Verunsicherung sorgen und vor allem Marketingansätze, die sich auf Produktwerbung stützen in Frage stellen.
Wo bitte geht’s raus aus der Krise?
In der ganzen Diskussion über die Krise der Weinbranche und die Problematik des Alkoholkonsums kommt sehr oft der gesellschaftliche und kulturelle Aspekt des Weinbaus zu kurz. Wein prägt die Landschaft, die Menschen, er lässt Kulturräume entstehen. Die Ufer der großen deutschen Flüsse sich geprägt durch Jahrhunderte lange Weinbautraditionen, die Landschaften an Ahr, Mosel, Mittelrhein oder auch an der Nahe sind weniger Naturbereiche als Kulturlandschaften, in denen die Rebhänge und Weindörfer den Takt vorgeben. Diese einzigartigen Landschaften gilt es zu bewahren und das geht nur, indem man den Weinbau bewahrt und ihm die kulturelle Bedeutung zugesteht, die er hat. Weinbau bedeutet eben vielmehr als nur die Produktion von Alkohol. Wie immer zählt auch hier der Kontext. Dass selbst ein renommiertes Medium wie die Süddeutsche Zeitung hier dem Zeitgeist auf den Leim geht und einen Kommentar veröffentlicht, der das Sterben der Weingüter dezidiert begrüßt, zeigt, wie aufgeheizt die Stimmung ist. Es ist an der Zeit, das Augenmerk wieder auf Wein als Kulturgut zu lenken und zu verstehen, dass es hier um weit mehr als nur um Alkohol geht. Dass es dabei auch immer um das richtige Maß und einen verantwortlichen Umgang mit Alkohol im Sinne von Wine in Moderation geht, versteht sich von selbst.
Nur noch heimischen Wein trinken?
Hilft es, wenn wir jetzt alle nur noch deutschen Wein kaufen? Nein, denn alle die im „patriotischen Konsum“ die Lösung sehen, sollten mal einen Blick auf die Zahlen werden. Denn das Anprangern des hierzulande vergleichsweise hohen Importanteils ausländischen Weins (ca. 60 Prozent) erweist sich bei genauerem Hinsehen als Augenwischerei. Wollte man den gesamen inländischen Bedarf mit deutsche Wein abdecken, bräuchte es beim aktuellen Pro-Kopf-Verbrauch von 20 Litern jährlich etwa 15 Mio. Hektoliter Wein. Das aber geht deutlich über die Produktionskapazitäten hinaus: im Jahr 2024 wurden bundesweit gerade einmal 7,3 Mio. Hl produziert (und davon wurden zuletzt 1,2 Mio. Hl exportiert). Mit anderen Worten: Deutschland produziert aktuell nur etwa die Hälfte seines Weinbedarfs selbst. Ganz anders aufgestellt sind in diesem Punkt zum Beispiel unsere Nachbarländer Frankreich und Italien. Sie gehören zu den größten Weinproduzenten weltweit und produzieren deutlich mehr als in den Ländern jeweils konsumiert wird (trotz in beiden Fällen höherem Pro-Kopf-Verbrauch).
Unsere Weintrends 2026.
Wer Wein(Kultur) retten will, muss da hingehen, wo der Wein entsteht. Und sich mit seinen Macherinnen und Machern auseinandersetzen. Vor Ort. Und wir müssen uns ein neues Verständnis von Wein erarbeiten: weg vom elitären Labeldrinking hin zu authentischen Genussmomenten – und das jetzt am liebsten im Kreise Gleichgesinnter.
Trend #1 Weintourismus
Dass Wein weit mehr ist als Flasche voll alkoholischer Flüssigkeit, werden die meisten von uns ohne weiteres bejahen. So richtig nachvollziehen aber lässt sich das erst da, wo der Wein gemacht wird. Einblicke in das Weinmachen, zu sehen wie anstrengend das Ernten der Trauben ist, dass hier jede Menge von Hand gemacht werden muss, die Abhängigkeit der Winzer von der Witterung und vieles mehr lässt sich vor Ort entdecken. Nachhaltiger Weintourismus ist daher für uns einer der großen Trends, die jetzt auf uns zukommen. Auch, weil sich dadurch ein Großteil der Wertschöpfung direkt in die Weinbauregionen verlagert. Weinwanderwege, Fahrradrouten und Weinfeste sorgen für Attraktivität, Einkehrmöglichkeiten in den Weingütern bringen den Winzern neue Kunden, der Verkauf Ab-Hof hat für beide Seiten Vorteile
Trend #2 Wein gemeinsam erleben
Wir müssen davon verabschieden, Wein als elitäres Getränk zu verstehen. Leider ist das immer noch verbreitet, auch wenn sich da zugegebenermaßen in den letzten Jahr dank großartiger Weinbarkonzepte und Weinevents viel getan hat. Natürlich, Wein steht für Tischkultur, aber genauso steht er für Spaß. Ist Bier das bessere Partygetränk, nur weil man es aus der Flasche trinken kann? Es wird Zeit, Wein neu zu positionieren, Weintrinken emotionaler zu machen, auf Community-Erlebnisse zu setzen. Denn ja, offline ist das neue Schick, analoge Erlebnisse das, was jetzt wirklich zieht. Wer nur noch doomscrollt, hat was verpasst. Das gilt auch für die neue Weingeneration Z: sie hat keinesfalls komplett vom Alkoholkonsum abgewandt (laut den letzen Zahlen von IWSR ist der Konsum gegenüber 2023 sogar wieder leicht angestiegen), trinkt aber bewusster, entschiedener und ist auch freier in ihren Entscheidungen. Mal steht da ein Proxy auf dem Tisch, dann wieder ein Wein – man legt sich weniger fest, bleibt neugieriger – was uns direkt zum nächsten Trend bringt:
Trend #3 Drink as you are
Affektiertes Etikettenposen ist out. Angesagt ist anstatt dessen: Trinken, was schmeckt. Dabei geht es auch darum, dem eigenen Geschmack mehr zu vertrauen, ihn zu schulen, sich selbst durch die Weinwelt zu schmecken, anstatt auf Influencer und Weinapostel zu vertrauen. Und dabei lernen, Qualität wertzuschätzen. Wie das gelingt? Immer mehr Weinseminare auch für Weineinsteiger werden angeboten oder auch Wine Walks, die in lockerer Atmosphäre Wissenswertes vermitteln. Viele Weinverkostungen stehen auch Nichtfachleuten offen. Gegen ein vergleichsweise geringes Eintrittsgeld gibt es Weinentdeckungen und Geschmacksschulung satt. Immer wichtiger dabei: belehrt werden möchte heute keiner mehr, die Konsumenten von heute möchten verstanden werden. Das passt auch gut zum Trend zu mehr Leichtigkeit und Spaß, den die große internationale Agentur WGSN gescoutet hat. Angesichts der globalen Krisen und Streß im Job sehnt man sich in der Freizeit nach etwas Unangestrengtem. Auch Authentizität und Ursprünglichkeit stehen oben auf der Watchlist. „Gemachte“ Weine und Marketingcoups haben da wenig Chancen.
Und was kommt sonst noch in die Gläser im Jahr 2026?
Schaumwein
ist weiterhin sehr beliebt, auch wenn der Konsum in diesem Bereich etwas zurückgegangen ist. Und für alle, die den Aufrufen, mehr heimischen Wein zu trinken, folgen wollen, aber noch skeptisch sind: immer besser (und dazu noch bei einem schier unschlagbaren Preis-Genuss-Verhältnis!) werden deutsche Winzersekte: flaschenvergoren nach traditioneller Methode, lange bis ewig auf der Hefe gelagert, wollen diese Schaumweine längst keine „kleinen“ Champagner mehr sein. Sie haben längst ihre eigenen Stilistiken entwickelt und begeistern mit Frische, animierender Salzigkeit und Finesse.
Deutsche Weine
Großartig in Form sind immer mehr deutsche Spätburgunder, sie haben gerade einen tollen Lauf. Auch Chardonnay und Weißburgunder im Topsegment (Lagenweine & Große Gewächse) werden immer besser und haben gute Chancen als Burgunder-taste-a-like mit deutlichem Preisvorteil auf die jetzt immer preissensibleren Highend-Trinker mit deutschem Wein zu versöhnen. Und wer sich beim Basis-Weißwein bisher in Richtung Lugana orientiert hat, sollte unbedingt einmal mit einem Grauburgunder aus Rheinhessen oder von der Nahe die Probe aufs heimische Exempel machen. Oder entdecken, wie großartig und vielseitig Silvaner sein kann.
Der ewige Rosé-Boom
hingegen scheint abzuflauen. Wenn Rosé, dann kommen jetzt auch gerne wieder farbstärkere Exemplare wie etwas ein Tavel oder Cerasuolo d’Abruzzo ins Spiel. Sie sind ebenso dankbare Essensbegleiter wie leichte, wenige tanninstarke Rotweine, die auch in diesem Jahr gut gekühlt neue Akzente setzen.
Sieger aus der zweiten Reihe
Wir bleiben dabei: schon im letzten Jahr haben wir die „Hidden Gems“ aus der zweiten Reihe ganz vorne gesehen, allmählich schlägt das Thema so richtig ein. Also gilt auch 2026: schaut in den Topregionen der Weinwelt gerne mal nach nach links und rechts. Warum? Das lest ihr in unserem Bericht über die wein-abc Weintrends 2025!
Zum Nachlesen: Das waren unsere Weintrends 2024