Frühlingsweine

Kennt ihr auch “Jahreszeitentrinker”? Mein Nachbar Jens ist so einer. Im Winter schwört er auf kraftvolle, muskulöse Rotweine. Ihr wisst schon, diese Weine, die einem schon nach einem halben Glas die Zähne verfärben, als hätte man auf eine Tintenpatrone gebissen. Die aber, klarer Vorteil, auch von innen wärmen und was Frucht und Würze angeht, keine falsche Bescheidenheit an den Tag legen. Jens jedenfalls liebt diese Weine, am meisten liebt er sie, wenn sie aus sonnenverwöhnten Regionen wie Südostaustralien, Süditalien oder auch der spanischen Extremadura kommen. Jens könnte stundenlang über diese Weine und seine Liebe zu ihnen erzählen. Zumindest im Winter. Interessiert sich Jens jedoch plötzlich für Weißwein, darf man sicher sein, dass der Frühling unmittelbar bevorsteht. Und nun die Zeit der Frühlingsweine anbricht.

Auf seinen Spürsinn ist Verlass – er steckt, was das angeht, jeden Wetterfrosch und jedes winterschlaftrunkene Bärenmännchen spielend in die Tasche. Sobald er Frühlingsluft wittert, räumt er seinen Keller um. Das muss man sich in etwa so vorstellen, wie wenn andere den Kleiderschrank umräumen, die Wintersachen wegpacken und die luftigeren Stücke wieder aus den Kisten und Schubladen holen. Bei Jens sind es dann keine Shirts, sondern Weißweine, die auf Augenhöhe locken.

Alles neu macht … der Frühlingswein!

Bei Jens sind die Frühlingsweißen übrigens oft gar nicht so leicht und auch oft im Holzfaß gereift – als hätte er ein wenig Angst, von den wuchtigen Winterweinen zu schnell auf leichte Sommerware umzusteigen, fast als fürchte er sich vor Barrique-Entzugserscheinungen.Wer diese Angst nicht teilt, dem öffnet sich jetzt in ein echter Weinkosmos. Warum nicht einmal den Gaumen auf Weltreise schicken und ganz gezielt leichte, feine, filigrane und auch elegante Weißweine aus verschiedenen Anbaugebieten vergleichen? Und testen, welcher Wein zu welcher frühlingshaften Speise (ich denke jetzt schon an Spargel, hach…) am besten passt? Ich bin mir sicher, dass ihr auf diese Weise so einige Entdeckungen machen werdet. Schaut euch doch schon mal um bei den Weinhändlern in eurer Nachbarschaft – denn ich bin mir sicher, die Saison fängt bald an. Ich habe gestern gesehen, dass Jens anfängt, alte Kartons aus seinem Keller zu entsorgen. Wenn ihr mich fragt – Frühling, ick hör dir trapsen

Feiert das Wiedererwachen der Natur!

 Auf was wartet ihr noch? Feiert das Wiedererwachen der Natur mit einem Glas feinperligen Secco, Winzersekt oder auch Champagner. Geht draußen auf die Suche nach Wildkräutern wie Brennessel oder Scharbockskraut, macht eurer Küche startklar für die neue Saison und kombiniert Gemüsefrische mit würzigen Weißweinen. Lasst eurer Entdeckerlust freien Lauf – ihr werdet staunen!

 Was uns besonders gut gefällt im Moment, im Glas:

 

Frühling im Glas

  • Silvaner – der fränkische Allrounder, der in vielerlei Qualitäten erhältlich ist und der immer, aber auch wirklich immer Spaß macht
  • Riesling Kabinett von der Mosel – ein Klassiker, der nie wirklich aus der Mode kommt. Und habt keine Angst vor Süße und probiert mal “fruchtig” – ja, das ist süß, ja, das erinnert im ersten Moment an Limo – beim 2. Schluck aber werdet ihr viel mehr entdecken: Eleganz, eine intensive “Multifrucht” (Aprikose steckt drin, Birne, oft auch etwas Salziges)
  • Müller-Thurgau und Scheurebe – 2 aromatische Gesellen, ziemlich unterschätzt und keinesfalls altmodisch!
  • Weißburgunder – äußerst begabter Speisenbegleiter, passt zu vielem ohne dabei langweilig zu sein
  • Chardonnay – ABC (“anything but chardonnay”) ist längst Vergangenheit, ohne schwere Barriquenoten und schwülstige Vanille- und Toastnoten zeigt sich dieses Rebsorte heute was sie kann
  • Cabernet blanc – eine recht neu gezüchete Rebsorte, die viel Potenzial und eine feine Aromatik hat
  • Blanc de Noirs – ein Weißwein, der aus Rotweintrauben gemacht wurde (ja, das geht, da die rote Farbe bei den gängigen Rebsorten nur in den Schalen sitzt und der Saft hell bis farblos ist)